2. Theoretische Verankerung und Begriffsverständnis der Neurodiversität
Die theoretische Debatte um Neurodiversität im Arbeitskontext vollzieht gegenwärtig einen grundlegenden Paradigmenwechsel von medizinisch-defizitären Betrachtungsweisen hin zu differenzierten soziotechnischen und stigmaorientierten Erklärungsmodellen. Während traditionelle personalwirtschaftliche Zugänge neurodivergente Merkmale häufig als individuelle Leistungshemmnisse verstanden, begreifen neuere Theorieansätze die Wechselwirkung zwischen organisationalen Strukturen und menschlicher Diversität als zentralen Gegenstand. In grundlegenden systemischen Betrachtungen wird aufgezeigt, dass strukturelle Hürden in Einstellungsverfahren, betriebliche Offenlegungsprozesse sowie unzureichende Arbeitsplatzanpassungen die eigentlichen Barrieren für neurodivergentes Personal darstellen (Introduction to Neurodiversity in the Workplace, 2026). Ziel dieser Perspektive ist es, durch gezielten Wissenstransfer strukturelle Anpassungen im Organisationsdesign zu etablieren, welche neurodivergente Potenziale systematisch entfalten. Einen komplementären, jedoch analytisch abweichenden Fokus setzt die soziologische Stigmaforschung. Dieser Ansatz postuliert, dass nicht allein formale Richtlinien, sondern vor allem tief verankerte soziale Bewertungs- und Abwertungsprozesse die berufliche Teilhabe determinieren (The BRIDGE Framework, 2024). Während strukturorientierte Konzeptionen auf formale Rahmenwerke und physische Arbeitsplatzgestaltung abzielen, hebt das Stigma-Paradigma die Notwendigkeit hervor, alltägliche soziale Interaktionen und Verhaltensmuster der Belegschaft zu reflektieren. Beide Zugänge unterscheiden sich folglich in ihrer epistemologischen Ausrichtung: Der institutionelle Ansatz adressiert Makro- und Mesostrukturen der Unternehmensorganisation, wohingegen der Stigma-Ansatz mikrosprachliche und interpersonelle Vorurteilsmuster in den Vordergrund rückt. Hierbei wird deutlich, dass rein strukturelle Maßnahmen ohne den Abbau informeller Stigmata ins Leere laufen, während Stigmainterventionen ohne institutionelle Rahmenanpassungen keine nachhaltige Wirkung entfalten können. Die theoretische Zusammenführung beider Positionen verdeutlicht daher, dass eine wirksame neuroinklusi…