6. Diskussion und strategische Implikationen für öffentliche Spitäler
Die Synthese der wissenschaftlichen Befunde verdeutlicht, dass die Diskrepanz zwischen theoretischen Richtlinien und dem praktischen Verordnungsalltag in öffentlichen Spitälern maßgeblich durch strukturelle und interprofessionelle Barrieren perpetuiert wird. Während epidemiologische Analysen eine ausgeprägte Tendenz zu empirischen Breitspektrumtherapien und eine geringe Dokumentationsdichte der klinischen Rationale belegen [2], verbleibt die institutionelle Implementierung koordinierter Steuerungsansätze häufig fragmentiert. Wie organisationsbezogene Erhebungen zeigen, scheitert die Etablierung dedizierter Stewardship-Einheiten oftmals an fehlenden personellen Ressourcen, unzureichender IT-Infrastruktur und mangelnder Verbindlichkeit von Verordnungsleitlinien [8]. Ein zentrales, in der bisherigen Spitalspraxis vernachlässigtes Potenzial liegt zudem in der Einbindung des diplomierten Pflegepersonals. Obwohl Pflegende durch die kontinuierliche Verabreichung, Probenentnahme und klinische Verlaufsbeobachtung eine Schlüsselposition im Infektionsmanagement einnehmen, agieren sie in existierenden Governance-Modellen überwiegend peripher [7]. Die Reduktion des Selektionsdrucks multiresistenter Erreger verlangt daher zwingend die Überwindung traditioneller berufsständischer Silos. Eine nachhaltige Optimierung des Antibiotikaeinsatzes im öffentlichen Sektor bleibt unrealistisch, solange Überprüfungsprozesse nicht als gemeinsame Aufgabe von Ärzteschaft, Pharmazie und Pflege institutionalisiert werden.