3.3 Verhaltensökonomische Steuerungsansätze und Leistungsverzicht
Die verhaltensökonomische Analyse der obligatorischen Krankenpflegeversicherung verdeutlicht, dass individuelle Kostenbeteiligungen und finanzielle Anreizstrukturen direkte Auswirkungen auf die Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen haben. Bei der Wahl höherer Franchisen zeigt sich in der Praxis eine systematische Veränderung des individuellen Patientenverhaltens, die über die rein ökonomisch intendierte Reduktion von moralischem Risiko hinausgeht und zu einem empirisch nachweisbaren Leistungsverzicht führt (Leistungsverzicht und Wechselverhalten der OKP-Versicherten im Zusammenhang mit der Wahlfranchise, 2017). Versicherte wägen die unmittelbaren finanziellen Eigenbelastungen gegen die empfundene Dringlichkeit von Konsultationen und therapeutischen Interventionen ab, wodurch insbesondere im ambulanten Sektor spürbare Verzögerungen bei der Behandlungsaufnahme entstehen. Diese Allokationsdynamik vollzieht sich vor dem Hintergrund übergeordneter Ausgabentreiber im Schweizer Gesundheitssystem, bei denen neben demografischen Alterungsprozessen auch der medizinische Fortschritt sowie allgemeine Einkommenssteigerungen den Kostendruck auf die Grundversicherung kontinuierlich verstärken (Healthcare expenditure and fiscal sustainability: evidence from Switzerland, 2018). Wenn versicherte Personen notwendige fachärztliche Abklärungen oder die rechtzeitige Beschaffung verordneter Medikamente aus kurzfristigen Kostengründen aufschieben, entstehen indirekte Wartezeiten, die nicht primär durch kapazitäre Engpässe auf der Angebotsseite, sondern durch ökonomische Hemmschwellen auf der Nachfrageseite bedingt sind. Eine solche Verzögerung birgt erhebliche gesundheitliche Risiken für eine Chronifizierung akuter Krankheitsverläufe, was in späteren Behandlungsphasen wiederum zu einer verstärkten Inanspruchnahme kostenintensiverer stationärer Versorgungsstrukturen führt. Folglich erfordert die künftige Ausgestaltung der Selbstbehalte und Wahlfranchisen eine gezielte regulatorische Feinsteuerung, damit marktbasierte Allokationsmechanismen die kontinuierliche und rechtzeitige Arzneimittelversorgung vulnerabler Patientengruppen nicht systematisch gefährden.